Mein erstes Mal mit siebzehn

Als ich anfing mich mit Weinen zu beschäftigen, drehte sich für mich alles um die Frage, was mir schmeckt oder nicht schmeckt und vor allem, warum. Dass man Weine auch bepunkten kann, fand ich schnell heraus, da kaum ein Weinführer auf Punkte verzichtet, auf die Idee, dieses selber zu tun, kam ich zunächst nicht.

Nachdem ich ein ungefähres Koordinatensystem hatte, welches mir half, meine geschmacklichen Eindrücke in Worte zu fassen und Vorlieben und Abneigungen zu benennen, traute ich mich unter Leute. Ich traf auf einige, die dem Wein mit ähnlicher Leidenschaft aber deutlich mehr Erfahrung begegneten. Die luden mich ein in ihre Probenrunden und so lernte ich ganz automatisch zu punkten. Denn wenn man Weine in einer Probe gegeneinander antreten lässt, will man Sieger küren und das geht am besten, indem man Noten verteilt.

Mit fast kindlichem Eifer bepunktete ich fortan alles, was mir ins Glas kam und aus Trauben gefertigt war (bei Saft konnte ich mich gerade noch beherrschen). Und ich definierte eine eigene Skala, die Punkte in Worte übersetzen sollte. Ich ging sogar so weit, Weine zu bepunkten, die ich gar nicht mochte und dabei trotzdem noch wohlwollend zu urteilen, wenn ich meinte, eine gewisse Qualität zu erkennen, weil ich vermutete, die Königsdisziplin wäre das ,neutrale‘ Beurteilen jenseits der eigenen Präferenz.

Dann fing ich an zu bloggen und dachte, ein Weinblog sei nur so gut wie sein Bewertungssystem ausgeklügelt ist. Zum Glück bin ich lernfähig und halte nicht krampfhaft an Überzeugungen fest. Nach einem halben Jahr reifte langsam die Erkenntnis, dass Punkte überbewertet sind. Ich las und hörte Meinungen, die davor warnten, dass die unsäglichen Punkte nur dazu führen, dass sich niemand mehr die Mühe macht, vernünftige Beschreibungen zu formulieren. Aromen auflisten, Fülle und Länge beschreiben, punkten – fertig.

Also hörte ich mehr oder weniger auf, Punkte zu verteilen. Es gibt zwei Ausnahmen. Zum einen sind das Probensituationen (die ich im Blog aber kaum verarbeite), in denen ich Punkte für richtig und wichtig als Gedächtnisstütze halte. Und es gibt diese magischen Weine, die mehr sind als einfach nur sehr gut. Wenn meine Augen zu leuchten beginnen, dann nimmt der Wein eine Hürde, die die meisten Weintrinker als 90 Punkte definieren. Und dann finde ich es hilfreich, die verkürzte aber aussagekräftige Formulierung ,jenseits der 90 Punkte‘ zu verwenden.

Vorletzte Woche sah ich mich ganz unerwartet mit der Situation konfrontiert, dass ich um Punkte für einen Wein gebeten wurde. Um die Komplexität zu erhöhen, galt es dazu, im von mir noch nie verwendeten 20er System zu punkten und damit richtig Druck entsteht, war die Nachfrage nach dem Punkte-Urteil verbunden mit der Bitte, dieses auch eventuell in der Zeitschrift Weinwisser veröffentlichen zu dürfen. Schweißperlen!

Manchmal muss es Traminer seinEs ging um meinen Beitrag zum Gewürztraminertag auf Facebook. Der Wein hatte mir sehr gut geschmeckt und meine Begeisterung war ungebremst in die Beschreibung geflossen. Da Initiator Stephan Reinhardt überlegt, die interessantesten Weine des Abends in das Magazin zu übernehmen, dessen Inhalt er verantwortet, kam ich seiner Bitte nach. Dabei lernte ich dann auch gleich, dass die magischen 90 sich zu 17 Punkten übersetzen, wenn man das 20er System verwendet. Wohlan, hier also mein erster Wein mit 17 Punkten.

Zillinger, Traminer ,in Haiden‘, 2006, Niederösterreich. Der Traminer ist in der Nase und am Gaumen sehr sortentypisch. Das ist gut, da kann man die Aromen einfach irgendwo abschreiben, Punkte dran und fertig. Lieber das Zitat aus der ursprünglichen Besprechung von Facebook: Ganz im Ernst: das ist ein voller, furztrockener, wenngleich leicht alkoholsüßer Wein, der vor allem hammerstraff und mineralisch und dadurch nicht unangemessen fett ist. Hat viel Tiefgang und Länge. Die Aromen sind tatsächlich typisch, Rose und Litschi die Stichworte. Später schrieb ich noch: nach zwei Gläsern gebe ich aber auf. Morgen ist auch noch ein Tag. Drei Tage sind draus geworden, ehe die Flasche leer war, aber das liegt nicht daran, dass der Wein zu schwer wäre. Traminer ist einfach speziell – und in diesem Fall sehr gut!

Käufliche Liebe

Deutschlands Food- und Weinblogger sind dem Kommerz abgeneigt. Ich schrieb vor einiger Zeit über den vergeblichen Versuch einer italienischen Kellerei, gegen Bezahlung ihr annehmbares PR-Video in deutschen Blogs unterzubringen. Während solcherlei Vorgehen in anderen Ländern (und hierzulande in anderen Branchen) so üblich ist, dass es schon einen eigenen Begriff dafür gibt (,Seedmarketing‘), will‘s in der Weinszene nicht gelingen.

Einige Händler und Produzenten beschreiten jetzt einen neuen Weg: Sie heuern Weinblogger als Botschafter, Autoren oder PR-Agenten an. Diese wiederum bringen den nötigen Stallgeruch mit, um in der hiesigen Weinszene etwas zu bewegen und werden lange nicht so angefeindet wie die ,professionellen Kritiker‘ – in der Deutschen Internet-Weinwelt gibt es eine merkwürdige Abneigung zwischen engagierten Laien und professionellen Verkostern, die Außenstehenden kaum zu vermitteln ist.

Einer derjenigen, die mit der Repräsentanz seiner Sponsoren einen Teil des Lebensunterhaltes bestreitet, ist Torsten Goffin, der die Blogs ,Glasklare Gefühle‘ und ,Allem Anfang…‘ schreibt und auch auf Facebook zum Thema Wein aktiv ist. Als er neulich einen Wein zur Verlosung ausschrieb und ein einfacher Kommentar zur Teilnahme am Gewinnspiel berechtigte, meldete ich mich spontan zu Wort. Dass das eventuell Folgen haben könnte, zog ich gar nicht in Betracht – hab‘ sowieso noch nie was gewonnen, dachte ich mir. Doch dann entnahm Torsten meinen Namen aus der Lostrommel und ich erhielt den edlen Tropfen. Was tun? Egal – bedanken, entgegennehmen, trinken, berichten (und zwar das volle Programm) und fertig. Dies ist also der kommerziellste Artikel, der im Schnutentunker je erschienen ist.

Liebevoller Südfranzose,Wein wenn Du kannst‘ lautet der Name des preisstiftenden Händlers und er beschreitet einen neuen Weg in der Weinvermarktung. Die Präsentation des Shops und die Anzeigen sind eher cool und durchgestylt. Den Ansatz, die Weine des Sortiments nach Schlagworten wie Mut, Lust oder Liebe zu kategorisieren, finde ich innovativ, lustig und zum Scheitern verurteilt. Aber da ich vermutlich nicht die Zielgruppe des Händlers bin, hoffe ich sehr, mich zu irren. Denn jeder, der versucht, die Weinwelt ein wenig zu entstauben, ist mir grundsympathisch und meiner besten Wünsche Ziel. Der Wein, den ich gewann, war ein Ch9dP (um auch noch die wahnsinnigste Abkürzung der Weinwelt in diesem Artikel unterzubringen) – eine Weingattung, die fast so viele überteuerte Tropfen bereit hält wie Bordeaux. Dort einen guten zu einem fairen Preis herauszusuchen, ist eine respektable Leistung. In diesem Sinne: Danke Torsten, Danke ,Wein wenn Du kannst‘ – und genug der Werbung…

Domaine du Grand Tinel, Châteauneuf-du-Pape (AOC), 2005, Südfrankreich. In der Nase Kirsche und Blaubeere aber vor allem ein deutlicher Stinker: Kuhstall und Bret – nicht angenehm aber erträglich. Am Gaumen ist der Wein ziemlich trocken, die Frucht in Form von Kirsche ist nicht sehr dominant, Schokolade kommt mir noch in den Sinn, die Säure ist mäßig ausgeprägt, reichlich weiches Tannin machen den Wein voll und geschmeidig, der Alkohol ist gut eingebunden. Der lange Abgang ist sehr mineralisch, der Wein sehr gut. Am zweiten Tag gibt es den Wein zum Essen. Da wirkt er ebenfalls voll jedoch mit mehr Frucht (wieder Kirsche) und kräftiger Säure, schmeichelnder aber auch etwas alkoholischer. Er ist insgesamt ein ziemlicher Brummer, der vermutlich alle Attribute besitzt, die man sich von einem Wein erwartet, der unter dem Stichwort ,Liebe‘ zum Kauf angeboten wird.

Auf in den Rheingau

Am 17. Und 18. März 2012 treffen sich in Geisenheim über 100 Menschen, die die Lust an Wein und dem Austausch darüber unter Zuhilfenahme elektronischer Medien eint. Wir (ich bin auch dabei) werden ein Barcamp veranstalten, eine sogenannte Unkonferenz. Das ist eine Art Präsentationsringelpiez bei dem jeder angehalten ist, nicht nur zu konsumieren, sondern auch aktiv beizutragen. Wem das jetzt zu sehr nach ‚Alles kann, nichts muss‘ klingt, dem sei versichert: die Klamotten bleiben an. Auf in den Rheingau weiterlesen

Verdächtiges Verhalten (2)

Es ist keinen Monat her, da verneinte ich , dass Deutschlands private Weinblogger käuflich seien. Wie es der Zufall so will, bietet sich dieser Tage die Gelegenheit zur Probe aufs Exempel. Die italienische Weinkellerei Tasca d’Almerita bietet deutschen, amerikanischen und italienischen Bloggern Geld dafür, ein Video in ihre Blogs zu integrieren. Bezahlt wird pro Zuschauer, der das Video aktiv startet. Ich kann es hier nicht einbinden, da WordPress das nicht ermöglicht. Aber so viele Weinvideos gibt es ja nicht. Wem es über den Weg läuft, der wird es erkennen. Sollte ich noch herausfinden, wie man das auf einer facebookseite einbindet, werde ich dies nachholen.

Ich bin gespannt, wo dieses Video auftaucht.


Rindenwahn

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle über einen besonderen Wein berichten, doch leider war der Korken davor. Bernhard Fiedlers Cabernet Sauvignon 2003 hatte mir vor vier Jahren derart viel Potential präsentiert, dass ich meine zweite und letzte Flasche mit Vorfreude reifen ließ, nur um jetzt festzustellen, dass die blöde Baumrinde dem Wein den Garaus gemacht hat.

Ich will es positiv sehen: es hat 2011 bis zum Beginn der zweiten Jahreshälfte gedauert, bis ich einen nennenswerten Korkverlust zu beklagen hatte. Und ich habe die Zeit, die für die Formulierung einer Verkostungsnotiz reserviert war, zur Erstellung einer Facebook-Seite für den Schnutentunker samt deren Integration in die rechte Blogspalte genutzt. Die hat sogar schon zwei Fans.

Also, liebe Leser, schaut doch mal drauf und werdet vielleicht Fan. Das wäre ein kleiner Trost.